Das Pfeifen der Murmeltiere

Das Pfeifen der Murmeltiere

Es war einmal hoch oben in den Bergen, dort wo der Wind über grüne Gräser streicht und die Sonne die Felsen wärmt, eine Murmeltierfamilie.
Seit Generationen lebten sie auf derselben Wiese, doch über ihrer Geschichte lag ein schwerer Schatten.

Schon die Urgroßeltern hatten schwierige Zeiten gekannt, in denen große, dunkle Adler ihre Kreise zogen. Ihre Schwingen warfen dunkle Schatten auf die Erde, und manchmal – viel zu oft – stürzten sie herab. Manche Murmeltiere wurden davongetragen und getötet, und tiefe Trauer legte sich wie Nebel über die Hügel.
Die, die blieben, lernten wachsam zu sein.
Sehr wachsam.

Die Großeltern erzählten ihren Kindern von der Gefahr, und diese wiederum ihren eigenen. So wuchs eine Familie heran, die immer horchte, immer prüfte, immer bereit war laut zu pfeifen und in die Unterschlupfe zu fliehen. Es brauchte die ganze Aufmerksamkeit.

Es gab zwar genug Nüsse, genug Klee, genug Sonne –
doch selten Ruhe. Die Jahre vergingen.
Die Adler jedoch waren verschwunden.
Niemand hatte sie seit langer Zeit gesehen. Manche sagten, sie seien ausgestorben, andere, sie hätten längst andere Täler gefunden.
Doch die Angst war geblieben — wie ein Echo in den Zellen, wie eine alte Melodie, die niemand bewusst kannte und doch alle summten.

So kam es, dass die Murmeltiere auch an den schönsten Tagen pfiffen.
Wenn die Sonne golden über die Gipfel lief.
Wenn die Luft nach Thymian und frischem Gras duftete.
Wenn eigentlich alles gut war.


In diese Familie wurde ein kleines Murmeltier geboren.
Sein Fell war weich wie Moos, seine Augen glänzten wie zwei Tautropfen im Morgenlicht. Doch tief in seinem Inneren spürte es etwas anderes: ein Ziehen, ein Sehnen, ein leises Gefühl, übersehen zu werden.

Seine Eltern liebten es, das wusste es irgendwie.
Aber ihre Herzen waren schwer von alter Trauer, und ihre Aufmerksamkeit war oft bei den Gefahren, dem Überlebenskampf und dem Wegdrängen der Gefühle.
So begann das kleine Murmeltier zu glauben, es müsse lauter pfeifen, schneller sein, mehr tun als die anderen, um gesehen zu werden.

„Warum gebt ihr mir nicht, was ich brauche?“ rief es oft.
Und sein Pfeifen hallte weit über die Wiese.

Das kleine Murmeltier kannte keine Adler. Nur aus den Erzählungen. Es wollte frei sein, Teile der Wiese erkunden, wo noch nie ein Murmeltier war. Aber es hielt sich zurück und wurde traurig.

Eines Tages erschien ein alter Wanderer.
Er trug einen einfachen Mantel, ausgelatschte Schuhe, einen alten Rucksack und einen schlichten Stab, der im Licht ein wenig schimmerte, als wäre er aus einem besonders feinen Holz geschnitzt.

Er setzte sich ins Gras, ganz ruhig, ganz still.

Zuerst brach ein großes Pfeifkonzert aus.
Warnrufe, Aufregung, Durcheinander.
Doch der Wanderer blieb.
Er atmete.
Er lächelte.

Mit der Zeit siegte die Neugier über die Gewohnheit.
Die Murmeltiere kamen näher.
Er saß einfach da, Tag für Tag, bis seine Gegenwart so vertraut wurde wie der Klang des Windes.

Eines Abends, als die Sonne hinter den Bergen versank und alles in warmes Rosa tauchte, begann der Wanderer zu erzählen.
Er erzählte von einer Murmeltierfamilie, die einst große Verluste erlitten hatte.
Von Mut.
Von Wachsamkeit.
Von Liebe, die sich  hinter der Angst versteckt.

Und dann sagte er leise:

„Und wisst ihr, das Erstaunlichste an dieser Geschichte?
Die Adler sind längst fort.
Die Gefahr ist vorbei.
Doch die Erinnerung lebt weiter – nicht, um euch zu quälen, sondern weil sie euch beschützen wollte.“

Die Murmeltiere hörten still zu.
Selbst das kleine, das immer so laut gepfiffen hatte.

„Manchmal“, fuhr der Wanderer fort, „vergisst der Körper, dass die Zeit weitergegangen ist. Dann ruft er noch Alarm, obwohl der Himmel längst frei ist. Aber ihr könnt ihm helfen, sich zu erinnern.“

„Wie?“ fragte das kleine Murmeltier leise.

Der Wanderer lächelte.

„Indem ihr euch umseht.
Indem ihr spürt, was jetzt da ist.
Sonne auf dem Fell.
Erde unter den Pfoten.
Und indem ihr euch gegenseitig anseht – wirklich anseht.“

Lange saßen sie zusammen in der Abendstille.

Zum ersten Mal bemerkte das kleine Murmeltier, wie warm die Luft war.
Wie weich das Gras.
Wie freundlich die Augen seiner Familie.

Und irgendwo tief in seinem Inneren löste sich ein Knoten, ganz langsam, wie Schnee, der im Frühling schmilzt.

Von diesem Tag an pfiffen die Murmeltiere noch immer, wenn echte Gefahr drohte.
Doch dazwischen lernten sie etwas Neues:
zu spielen,
zu ruhen,
zu schauen,
zu fühlen.

Und das kleine Murmeltier entdeckte, dass es nie mehr um Aufmerksamkeit kämpfen musste.
Denn sie war da – leise, beständig, wie die Berge selbst. „ich gebe mir selbst die Aufmerksamkeit, die ich brauche“ sagte es sich.

Und wenn man heute über jene Wiese wandert, hört man manchmal ein Pfeifen. Auch an Stellen, wo früher keine Murmeltiere lebten.
Doch viel öfter hört man etwas anderes:
das sanfte Rascheln von Gras,
das Kichern kleiner Murmeltiere
und die stille Gewissheit,

alles Schlimme darf einmal vorbei sein und
dass selbst alte Geschichten heilen dürfen.