Von der Deutung zur Verantwortung

Es waren einmal zwei Hasen

Dabei ist es ganz wichtig zu wissen, dass Hasen keine bösen Tiere sind. Sie sind wachsam, feinfühlig, geprägt von ihrer Geschichte als gejagte Wesen. Und manchmal rennen sie daher alten Mustern hinterher, die älter sind als jede aktuelle Situation.

In der folgenden Geschichte geht es nicht um Schuld, sondern um zwei Sichtweisen, die sich ineinander verfangen haben.

Es waren einmal zwei Hasen.

Sie lebten auf einem großen, sanften Feld. Es gab genug Klee, hohe Gräser und vor Regen und Sturm geschützte Bauten. Kleine wunderschöne Hügel zum Ausruhen. Keine Füchse weit und breit oder schiesswütigen Jäger und es gab keine Winterknappheit Eigentlich war alles gut.

Und trotzdem trugen beide etwas Unsichtbares mit sich herum. Etwas was sich gleichzeitig wie Verbundenheit und Liebe anfühlte und andererseits nach Verletzung und Aushalten müssen. Es war wohl etwas sehr Altes, vielleicht aus einer anderen Zeit.

Der eine Hase – nennen wir ihn den Feldhasen – hatte früh gelernt: Man muss sich anstrengen, damit andere bleiben, man muss funktionieren um geliebt zu werden. Seine Antennen wurden früh gebraucht um sich zu schützen. Vor den grossen Hasen, die nicht wussten was sie taten. So spürte er alles. Sehr feinfühlig, jedoch mit einer selektiven Wahrnehmung. 
Jedes Zögern. Jeden anderen Tonfall. Jede abgesagte Einladung.

Wenn jemand sagte: „Heute komme ich nicht.“

hörte er: Ich bin dir nicht wichtig.

Wenn jemand lachte und neckte, hörte er: Du wirst ausgelacht.

Wenn jemand müde war, hörte er: Du bist zu viel.

Er wusste nicht, dass er das hörte. Für ihn war das einfach die Wahrheit.

Der andere Hase – nennen wir ihn den Weghasen, hatte etwas anderes gelernt: Wenn jemand leidet, muss ich helfen. Auch er hatte seine Prägungen früh gelernt und es sich zum inneren Auftrag gemacht, jemanden zu zeigen, dass die Welt anders ist als dieser dachte. Voller Liebe, wunderschön und das uns nichts passieren kann. 
Er lernte Zusammenhänge zu verstehen und intuitiv sehen. Er hat gelernt ruhig zu bleiben. Er hat gelernt Fragen zu stellen.

„Kann es sein, dass du traurig bist – und nicht abgelehnt?“

„Kann es sein, dass ich einfach müde bin?“

„Kann es sein, dass das gar nichts mit dir zu tun hat?“

„Kann es sein, dass das ein Scherz war?“

Am Anfang war das schön.

Der Feldhase fühlte sich verstanden. Der Weghase fühlte sich gebraucht.

Aber mit den Jahren wurde etwas seltsam.

Immer wenn der Weghase etwas erklärte, sagte der Feldhase:

„Nein. So ist es nicht.“

Und wenn der Weghase sagte:

„Ich brauche heute Zeit für mich.“

hörte der Feldhase:

„Du lässt mich allein.“

Und wenn der Weghase vorsichtig sagte:

„Ich glaube, du kämpfst seit langer Zeit denselben Kampf …“

antwortete der Feldhase:

„Jetzt stellst du mich als Problem dar.“

Der Weghase begann nach solchen Gesprächen erschöpft heimzugehen.

Er dachte: Vielleicht habe ich es schlecht erklärt.

Also erklärte er besser.

Dann noch besser.

Dann noch sanfter.

Dann mit mehr Geduld.

Und irgendwann merkte er etwas Eigenartiges:

Je mehr er erklärte, desto weniger wusste er selbst noch, was eigentlich passiert war.

Er saß manchmal allein im Gras und dachte:

War ich wirklich unfreundlich? War das ein Scherz? Habe ich verletzt? Oder versuche ich gerade etwas zu reparieren, das ich nie kaputt gemacht habe?

Und eines Tages – ohne Streit, ohne Drama – sagte der Weghase:

„Ich glaube dir, dass dein Schmerz echt ist.“

Der Feldhase hob den Kopf.

Der Weghase sagte weiter:

„Und ich kann nicht mehr die Instanz sein, die entscheidet, welche Wirklichkeit gilt.“

Der Feldhase wurde still.

Und der Weghase sagte:

„Wenn ich jedes Mal vergesse, wie mein eigenes Herz schlägt, damit deines sich beruhigt – dann verliere ich auch mich.“

Dann setzte er sich nicht weg. Er blieb.
Aber er hörte auf zu retten.
Und zum ersten Mal schaute der Feldhase nicht auf den anderen Hasen.

Sondern auf das weite Feld.

Und fragte sich leise:

Wenn hier gar kein Fuchs ist